|
Literatur zu übersetzen, ist mein Traum und das eigentliche Ziel meiner Übersetzertätigkeit. Hier kann ich beides vereinen: mein Interesse an Fremdsprachen und meine Liebe zur Literatur und zum Schreiben. Mein bisher unerreichtes Vorbild für hervorragende literarische Übersetzungen ist die polnische Spanisch-Übersetzerin und Autorin Zofia Chądzyńska, die sich vor allem als Übersetzerin des gesamten literarischen Werks des argentinischen Schriftstellers Julio Cortázar einen Namen gemacht hat. Bereits als junge Frau begann ich ihr nachzueifern, indem ich Cortázar aus dem Polnischen ins Deutsche zu übersetzen versuchte. „Mystiker und Junkies” Viele Jahre lang habe ich das als Hobby betrieben, habe "für die eigene Schublade" übersetzt, was ich an polnischsprachiger Literatur bekommen konnte. Bis mir ein Freund das Buch „Mistycy i narkomani” (Mystiker und Junkies) von Wojciech „Tarzan” Michalewski zu lesen gab. Dieses Buch faszinierte mich so sehr, dass ich beschloss, es zu nicht nur komplett zu übersetzen, sondern auch in Deutschland einen Verlag dafür zu finden. Dies ist beim Engelsdorfer Verlag in Leipzig geglückt, wo das Buch „Mystiker und Junkies” in deutscher Übersetzung im Januar 2008 erschienen ist. Das Original wurde 1992 im polnischen Verlag „Ethos” mit einem Nachwort von Marek Sokołowski herausgegeben. Es ist nach wie vor das umfangreichste literarische Dokument der polnischen Gegenkultur in ihrer fantasievollsten Gestalt, der Hippiebewegung, von deren Anfängen Ende der 1960er bis zur mittlerweile schon wieder überholten Gegenwart Ende der 1980er. Es als „Chronik der polnischen Hippiebewegung” zu bezeichnen, mag übertrieben sein, doch kommt es diesem Anspruch von allen literarischen Zeugnissen dieses Phänomens doch wohl am nächsten. Tarzan, einer der wenigen „Veteranen” dieser Bewegung, erzählt deren Geschichte vor dem Hintergrund seiner eigenen Biografie. Nicht an allen Ereignissen war er selbst beteiligt; seine persönlichen Erlebnisse hat er mit Berichten von Augenzeugen, offiziellen Fakten und eigenen Reflexionen verflochten. Damit ist ihm ein faszinierender Erzählteppich gelungen, gewebt aus fünf Hauptfäden. An erster Stelle ist es eine autobiografische Erzählung, die im Jahr 1972 beginnt, als Tarzan zum ersten Mal den Hippies begegnete. Er erzählt seinen existenziellen und geistigen Werdegang, der vor dem Hintergrund seiner harten und lieblosen Kindheit besondere Schärfe erhält. Bei den „Pazifisten, Yogis und Mystikern” der ersten Hippiegeneration, aber nicht zuletzt auch seiner späteren Ehefrau Irena (der Maria aus der Erzählung), die ihm die christliche Mystik nahe brachte, fand er die Ideale, die das reale Leben ihm verweigerte. Viele Jahre lang gehörte er zu den wenigen hoch geschätzten „Alten” der Szene, er war ein echter „Dinosaurier”. Die wechselhafte Geschichte seines eigenen Lebens, die Tarzan hier präsentiert, verblüfft durch ihren Detailreichtum und ihr Kolorit. Dass der Autor sie selbst einen „fragmentarischen Roman” nannte, rührt daher, dass sie aus zahlreichen, gewöhnlich kurzen, von Realismus durchtränkten Szenen konstruiert ist, versehen mit Kommentaren voller Humor und Selbstdistanz. Der zweite Faden seines Erzählteppichs ist für den ausländischen Leser, der sich für die Geschichte unseres Nachbarlandes interessiert, besonders interessant. Immer wieder flicht Tarzan Berichte über die Geschichte der amerikanischen, vor allem aber der polnischen Hippies ein. Gleichzeitig lässt er uns unmittelbar teilhaben an den gesellschaftlichen Ereignissen in Polen, die 1980 in den landesweiten Streiks, in der Gründung der unabhängigen Gewerkschaft Solidarność und kurz darauf im Kriegszustand gipfelten. In diesem Fall wird uns die polnische Geschichte einmal aus einer ungewohnten Perspektive nahe gebracht, nämlich aus der Sicht der sozialen Außenseiter. Als das ganze Land unter dem politischen und militärischen Druck der von der UdSSR gelenkten kommunistischen Regierung im Kriegszustand stöhnte, ging für die Hippies nach kurzem Aufatmen ihr gewohnter „Alltag” weiter: „Für die Spießer war das etwas Neues. Aber für die Hippies hat, von den beiden letzten Jahren mal abgesehen, immer Kriegszustand geherrscht.” Den dritten könnte man als den mystischen Faden bezeichnen. Hier beschreibt Tarzan in seltener Intensität seine mystischen, magischen und religiösen Erfahrungen. In seiner ursprünglichen Version als „Dokumentation zur Anwendung” enthielt das Buch ausufernde Berichte und Erörterungen zur Schwarzen Magie, zu mystischen Zuständen und Visionen, Ängsten und psychischen Störungen sowie seitenlange philosophische Monologe. Der Autor selbst hatte zu ihnen ein ambivalentes Verhältnis, weshalb der Großteil davon in der endgültigen Fassung des Buches nicht mehr enthalten ist. Ebenso einprägsam schildert er im vierten Erzählfaden seine Drogenerlebnisse. Tarzans Sucht war nie eine bloße Flucht vor der unerträglichen Realität in eine Scheinwelt, in der er wenigstens für ein paar Stunden ein wenig Ruhe fand, sondern immer auch eine Suche nach einer höheren Wahrheit, dem Absoluten, nach seinem persönlichen Gott, mit dem er wie Hiob zeitlebens haderte. Er hat es niemandem leicht gemacht - anderen Menschen nicht, nicht seinem Gott und am allerwenigsten sich selbst. Durchsetzt ist das Ganze von kurzweiligen und humorvoll erzählten „Stories” - eigenen und gehörten Erlebnissen und Abenteuern. Da der Autor keine Klagen wegen übler Nachrede riskieren und auch der damals noch existierenden Miliz kein Lehr- und Beweismaterial hinterlassen wollte, verzichtete er auf einen dokumentarischen Anspruch. Er hat, wie er sagt, „eine Handlung aus lauter Fakten geformt, aber Zeit, Reihenfolge und Ort der Ereignisse, Personen, deren Namen und Spitznamen geändert”. Nicht an allen Geschichten war er selbst beteiligt, manche kannte er nur aus Berichten von Augenzeugen und flocht sie nur deshalb in die Erzählstruktur ein, um das Klima jener schon so fernen Ereignisse besser wiederzugeben. Aus all diesen unterschiedlichen Informationsquellen hat Tarzan Michalewski eine lebendige, spannende und nicht zuletzt ausgesprochen humorvolle Erzählung geschaffen, die den Leser informiert und aufklärt, ihn aber gleichzeitig auch emotional packt und unterhält. Dabei bedient er sich naturgemäß des lockeren, plastischen Jargons seiner Jugend, doch gerade das verleiht der Erzählung Farbe, Witz und Lebendigkeit. Wojciech Michalewski wuchs in Krakau in einem Milieu von Kleinkriminellen und Gaunern auf (einem sozialen Randbereich, aus dem bei uns in Deutschland heute die so genannte „rechte Szene” den größten Teil ihres jugendlichen Nachwuchses rekrutiert). Im ersten Teil des Buches berichtet er von seiner ersten Begegnung mit der damals noch ganz jungen Hippieszene, deren Philosophie und Lebensstil ihn schon bald in ihren Bann zogen, von den Abenteuern und Konflikten dieser ersten Jahre. Im zweiten Teil begegnen wir einem jungen Mann, der, bereits drogenabhängig, einen schwierigen und von Rückschlägen nicht freien Entwicklungsprozess durchlebt. Er engagiert sich in sozialen und teilweise auch politischen Projekten und findet während dieser Zeit seine große Liebe und spätere Ehefrau, die aus einem diametral anderen sozialen und weltanschaulichen Umfeld stammt. Beide brauchen viele Jahre, manche Auseinandersetzungen und Trennungen, um ihren gemeinsamen Platz in der Hippiebewegung und im Kampf gegen die Drogensucht zu finden. Die beiden letzten Teile der Erzählung spielen in den Achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts und berichten von ebendiesem Kampf und der weiteren Entwicklung der Hippieszene, nun bereits in zweiter Generation. Das Buch endet mit Impressionen vom großen Hippietreffen 1987 in Tschenstochau, mit einem faszinierenden Rückblick, der gleichzeitig ein Ausblick ist. Tarzan wollte mit seinem Buch Legenden zurechtrücken und zeigen, was wirklich passiert ist und warum es passieren musste. Seine persönlichen Probleme, zu denen auch der Schatten des Mystizismus, die Drogensucht, gehörte, verwehrten es ihm bis zuletzt, ein „normales”, stabiles Leben aufzubauen und aufrecht zu erhalten. In den letzten Jahren war er als Bettler („Schlaucher” im Hippiejargon) mit seinem Stammplatz auf dem Krakauer Markt zu einem „festen Bestandteil der Landschaft” dieser Stadt geworden, einem „nicht mehr weg zu denkenden Element des Lokalkolorits - wie die Blumenfrauen auf dem Markt, die ‚Weiße Frau’, der unvergessliche Piotr Skrzynecki, der Kościuszko-Hügel oder das Trompetensignal vom Marienturm” (B. Dobroczyński). Alle, die ihn kennen lernen durften, bestätigen, dass er trotz seiner bedrückenden Lebensumstände, der ihn immer wieder heimsuchenden Notwendigkeit, um seine bloße Existenz zu kämpfen, nie seine Menschlichkeit verloren hat. Freunde und Bekannte berichten von ihm als einem der einfühlsamsten und rechtschaffensten Menschen, der ihnen je begegnet ist. Ebenso erstaunlich mag es uns erscheinen, dass er, der lediglich einen Grundschulabschluss besaß, nie aufgehört hat, zu lesen und zu schreiben. Mistycy i narkomani ist beileibe nicht Michalewskis einziges Werk. Er schrieb Gedichte, Fabeln, Erzählungen, historische Sagen, Parodien berühmter Werke, von denen bislang nur ein kleiner Teil veröffentlicht wurde. Wojciech „Tarzan” Michalewski starb am 19. August 2006 in seiner Heimatstadt Krakau. In einer anonymen Mitteilung im Internet über Tarzans Ableben lesen wir: „Es ist ein Symbol unserer Zeit, es ist das im Buch Mystiker und Junkies vom Autor selbst vorhergesagte Ende einer Generation. Meine Bitte geht besonders an die Veteranen, die ihn kannten und die noch leben: Beten wir für seine Seele. Die Blumen vergehen, es bleiben nur die Kinder...” Drei Gründe bewogen mich, dieses Buch zu übersetzen und zu veröffentlichen. Zum einen halte ich es für sehr wichtig, der polnischen Literatur im deutschsprachigen Raum ein Podium zu bieten, das gar nicht groß genug sein kann. Zum anderen meine ich, dass die Hippiebewegung ein einschneidendes gesellschaftliches Phänomen war. Sie hat Ideen und einen Lebensstil hervorgebracht, die das soziale Bewusstsein grundlegend verändert haben, die mittlerweile zum kulturellen Background unserer Gesellschaft gehören und somit auf allen Ebenen - im Guten wie im Schlechten - weiter wirken. Ihr „Revival” scheint kein Ende zu nehmen; immer neue Generationen orientieren sich an ihren Idealen und Ausdrucksformen. Solch ein Thema gehört in die Literatur. Nicht zuletzt aber gibt es noch eine Menge ehemaliger Jugendlicher aus beiden deutschen Staaten, die damals dabei waren. Zwar kannte man in der DDR der Siebziger eher „Kunden” oder „Tramper”, doch deren Ideale und Lebensstil unterschieden sich nur wenig von denen der Hippies. In Polen jedoch gab es Hippies! Und es gab ein Hippietreffen! Dort traf sich die „große weite Welt”, darunter Tramper aus der DDR und auch Jugendliche aus der BRD, der Schweiz und Österreich. Viele davon werden in Tarzans Erzählung Personen und Ereignissen wiederbegegnen, die sie kannten oder an denen sie selbst beteiligt waren. Überdies bin ich überzeugt, dass es viele Leser interessieren wird, mehr über die Hintergründe und die weitere Entwicklung der Hippiebewegung in Polen zu erfahren. Für sie vor allem habe ich dieses Buch übersetzt, für sie, unsere Kinder und alle Menschen, die noch von einem friedlichen, liebe- und fantasievollen Miteinander aller Menschen träumen, von Toleranz, Humanismus - oder einfach neugierig sind, was hinter unseren Grenzen passiert. Angela Nowicki
|