|
„Wielkie Nieba! Fuga” - Leseprobe:
COLUMBARIUM
Ein weißer Zaun umfasst das ausgedehnte Anwesen von Marta und Peter. In jedem Winkel herrscht mustergültige Ordnung. Da ist die Villa mit Turm und Veranda, da sind Schafstall, Ölmühle und Olivenhain. Das Parterre des Hauses beherbergt das Arbeitszimmer des Hausherrn, den Salon, das Speisezimmer, Küche und Bad, das erste Stockwerk vier Schlafzimmer und ein Badezimmer. Hier leben die Eltern mit ihren fünf Söhnen. Leonard, der älteste, ist erwachsen, seine Brüder sind noch Kinder. Über dem Kamin im Arbeitszimmer, unter dem Kreuzbild, hängt zwischen Waldhorn und Geige eine Marmortafel mit der Inschrift: „Der Olivenbaum ist wahrlich das größte Himmelsgeschenk”.[1] Auf dem Schreibtisch des Hausherrn steht eine gerahmte Fotografie von Franziska.
Peter und seine Söhne errichten im Hof einen neuen Taubenschlag. Ein drei Meter hoher Mast trägt ein Häuschen mit kegelförmigem Dach. Im Inneren befinden sich fünf Brutstellen. Die Tauben sind aufgescheucht. Sie setzen sich auf die Schultern der Menschen, fliegen empor, kehren um, fliegen wieder auf. Am Tor bleibt ein Bote stehen, er lächelt nicht. Er ist gekommen, Leonard zu holen. Marta lehnt sich aus dem Küchenfenster, läuft die Treppe hinab, über die Veranda. Leonard zieht in den Krieg?
„Ja, mein Sohn?”
„Ja, Mutter.”

Olgas Haus ist taubenfarben: hellgrau mit einem Stich ins Blaue, hier und da sieht man Weiß und Zinnober. Überall Zierschalung und Schnitzwerk: an den Dachsparren, den Kehlbalken, im Windverband, um Fenster und Türen. Die Verzierungen sind der Natur nachempfunden. Ringsum wächst Mischwald. Olga trägt eine Krone. Sie späht durchs Oberlicht aus, über dem ein gezacktes Brett angebracht ist.
„Im April kehren die Störche zurück, blühen die Dotterblumen und erfüllen sich alle Versprechen”, sagt Richard zu ihr. Viktor, Markus und Jakob treten durch den Vorraum ein.
„Wir sind gekommen, uns zu verabschieden”, sagt der Professor und legt dem Vater die Hand auf die Schulter. „Wir sind aus dem Lager entlassen worden.”
„Das kann nicht sein...”, staunen die Freunde und bitten sie in die Stube.
„Bevor man aufbricht, soll man sich setzen.” Olgas Mutter weist den Gästen die Bank unter Richards Ikone.
„Sprecht schon”, bittet der Vater. „Wieso haben sie euch entlassen?”
„Unsere Armee ist im Aufbau...”, teilt Richard mit.
„Das ist ja ein Wunder”, ruft Olga. „Ein Wunder!”
„Gar kein Zweifel”, bestätigt Jakob.
„Alles ist möglich”, fügt Markus hinzu.
„Und die Frauen, dein kleiner Sohn?” fragt Olgas Mutter. „Wo sind sie?”
„Die Zivilbevölkerung wird auch evakuiert”, erklärt Viktor. „Sie werden schneller an der Sammelstelle sein als wir.”
Die Freunde blicken auf Richards Ikone. Durch einen steinernen Kreuzgang schreitet eine schwangere Frau, ein schwarzer Drache trottet mit gesenktem Kopf vor ihr her. Sein Hals steckt in einem goldfarbenen Band, dessen anderes Ende in der Frauenhand liegt. Die Männer erheben sich:
„Gott segne euch, Freunde...”, sagt Viktor zum Abschied.
„Gott vergelt‘s, mein lieber Doktor”, erwidert der Vater und umarmt ihn.
„Bleibt gesund”, weint die Mutter, und Olga tritt zu Richard, der ihr verspricht:
„Wenn der Krieg vorbei ist, komme ich wieder.”
„Wir kommen Julian holen”, fügt Markus hinzu.
„Kümmert euch um sein Grab!” Jakob drückt dem Hausherrn die Hand.
Olga nimmt Linnen, Garn und Nadel, setzt sich an den Kamin und beginnt zu sticken. Rote und schwarze Kreuzchen zeichnen ein einfaches Muster auf den weißen Grund: ein Vogel, eine tanzende Quaste, ein Vogel.

Rudi sieht die Berggipfel, die das Lager umgeben. Er schließt die Augen und versucht, sich einen Opernausschnitt ins Gedächtnis zu rufen. Der Komponist verlässt seinen Barockpalast und reist gen Süden, zum Schloss des wahnsinnigen Königs.
„Mit dir rede ich, Rudi!” schreit der dicke Bruno. „Raustreten!”
Die Füße des jungen Mannes sind von den neuen Holzpantinen wundgescheuert, jeder Schritt schmerzt. Rudi tritt vor die Reihe der Häftlinge, die auf dem Platz in Appellordnung angetreten sind. Der Kommandant prügelt ihn mit einem Holzknüppel, zerrt an seiner Jacke:
„Sag, weswegen du im Lager sitzt!”
Der Gefangene schweigt, Bruno schlägt ihn von Neuem. Rudi fällt zu Boden, sie übergießen ihn mit Wasser.
„Er will nicht reden. Das sollte er aber tun, weil es lehrreich ist: Er wurde gefangen genommen, weil er an Stelle des vorschriftsmäßigen Grußes einen Polizisten mit Grüß Gott angeredet hat! Wir haben hier ja noch so einen Frömmler: Pfaffe, raustreten! Was hast du auf dem Gewissen, Leon?”
Der Priester betet, der Kommandant tritt ihn:
„Der ist auch taubstumm! Aber im Steinbruch haben sie gebetet!”
Bruno wischt sich das runde Gesicht mit einem Taschentuch ab, glättet seine von Brillantine glänzenden Haare. Sein Körper spannt sich, er reißt die Schultern zurück, streckt den Brustkorb heraus und hebt die Beine in den Offiziersstiefeln: Die Sohlen knarren: eins - zwei - eins - zwei! Der Kommandant bleibt am Rand eines betonierten Grabens stehen und befiehlt, die Zementdecke mit Splitt zu bestreuen.
„Rudi und Leon werden auf Erbsen knien!”
Die Männer knien nieder, und die Kolonne erhält den Befehl:
„Rechts schwenkt! Marsch!”
Die Gefangenen laufen am Stacheldrahtzaun und an dem breiten, mit Pappeln gesäumten Graben entlang. Auf sechs Türmen halten Posten Wache. Bruno lässt die Häftlinge am ersten Wachhäuschen anhalten und fragt:
„Wie viele Baracken haben wir im Lager?”
Die Kolonne schweigt, der Kommandant schreit:
„Wie viele?!”
„Zwei-und-dreis-sig!” ertönt ein Ruf.
Bruno hakt seine Daumen in den Gürtel.
„Na, dann werdet ihr abends, anstatt zu beten, zweiunddreißig mal wiederholen: ‚Pfaffen sind Hunde!’ Marsch!”
Der Offizier geht immer schneller, schlenkert mit den Armen, bleibt auf halber Strecke vor dem zweiten Wachtturm stehen und zeigt mit seinem Knüppel auf einen hellhäutigen blonden Mann:
„Du Schweinsblonder da: Zwei Schritte vortreten!”
Der Mann zittert.
„Wie viel Mann wohnen auf jeder Baracke?”
„Sechshundert, Herr Kommandant!”
„Sechshundert Schweine - wiederholen!”
„Sechshundert Schweine, Herr Kommandant!”
Bruno pfeift vor sich hin, macht vor dem nächsten Häuschen Halt, tritt zwischen die Häftlinge:
„Du... nein, nicht du - du!” Er zerrt einen Mann mit Brille am Kragen. „Ein Gelehrter, so einen brauche ich! Da ist ja noch einer... Welchen nehmen wir? Den nordischen oder den armenoiden?! Kopf - blond, Zahl - braun!”
Der Kommandant umfasst die Münze, schließt die Hand:
„Dich hat's getroffen...”
Der Häftling steht stramm.
„Pass auf, Professor! Zweiunddreißig Baracken zu je sechshundert Personen - wieviel macht das?”
Der Mann antwortet ohne nachzudenken:
„Neunzehntausendzweihundert!”
„Falsch!” freut sich Bruno. „Stimmt nicht! Was glotzt du so? Neunzehntausendeinhundertneunundneunzig!” schreit der Kommandant, zieht seine Pistole und schießt.
Der Mann fällt zu Boden, Bruno krümmt sich vor Lachen. Nach einer Weile wird er wieder ernst und warnt:
„Nicht nähertreten! Lasst ihn liegen, und ihr steht still bis zum Widerruf...”
Er entfernt sich in Richtung Kantine. Zwei Gefangene stürzen auf den Liegenden zu, knien nieder, prüfen seinen Puls. Bruno macht auf dem rechten Absatz kehrt und rennt zurück. Der Kies knirscht, zwei Schüsse ertönen und ein Schrei:
„Neunzehntausendeinhundertsiebenundneunzig!”

Benedikt im schwarzen, mit einem Strick gegürteten Gewand steigt von einem hohen Berg herab. Unten wartet Schwester Scholastika. Der Weg ist lang und schwierig bis zum Schwindel. Ziegen nähern sich, stieben auseinander.
Richard zieht Papier und Bleistift aus seiner Kartentasche. Er zeichnet. In der rechten Hand hält Benedikt ein Kreuz, in der linken ein Buch. Darunter ein Rabe. Im Hintergrund des Bildes sieht man ein Gefäß mit Gift. Der Zeichnende schreibt um die Gestalt herum:
EIUS IN OBITU NOSTRO PRAESENTIA MUNIAMUR [2]
Benedikt und Scholastika sind mit den Hirten unterwegs, besuchen Bienenstände und Gärten. Der Weg führt zur Ölmühle. Aus dem Estrich ragt ein steinerner Bottich empor. Innen steckt an einer langen, starken Stange ein Ring. Die Frau schüttet die reifen Oliven hinein, der Mann setzt den Stein in Bewegung und zerquetscht sie. Im Nachbarraum wird das Öl geklärt und in Amphoren gefüllt. Scholastika und Benedikt grüßen die Arbeiter, betreten den Hain, setzen sich in die Altane. Einmal spricht der Mann, einmal die Frau, der Rabe wägt die Worte. Hinterm Horizont treten zwei junge Männer hervor:
„Ich bin Markus, ich bin Viktor”, stellen sie sich vor.
„Wir kommen nirgendwoher, suchen Lehre und Arbeit”, sagt einer, und der andere setzt hinzu: „Wir wollen nicht allein sein, wir suchen Menschen.”

Bruno schleicht sich an und bleibt hinter Rudis und Leons Rücken stehen. Mit offenen Händen schlägt er jedem gegen den Hinterkopf. Die Gefangenen stürzen, der Kommandant fragt:
„Gebet schon aufgesagt?! Wiederholen!”
Bruno geht, die Gefangenen erheben sich, stützen sich gegenseitig. Der junge Mann fasst den Priester bei der Hand und zieht ihn zum Stacheldraht hin, der unter Hochspannung steht. Leon geht mit ihm, doch plötzlich reißt er sich los und weicht zurück. Gleich kehrt er wieder um, streckt die Arme aus und schreit:
„Rudi, nein!”
Hinter der Baracke springt Sanitäter Franziskus hervor, er stolpert und stürzt. Er hebt den Kopf und schaut: Der junge Mann hängt schon im Zaun, der Strom schüttelt seinen Körper. Der Wachtposten kommt angelaufen. Er sieht, dass der Häftling noch lebt, drückt sieben Mal auf den Abzug, doch die Waffe geht nicht los. Rudi steht auf, die Leute schieben den Posten zur Seite. Der Kommandant kehrt zurück:
„Idiot! Warst du zu feige oder hattest du keine Patronen?”
„Schau selbst...” Der Soldat reicht ihm die Pistole.
Bruno schießt mehrmals in den Kessel mit Malzkaffee, den zwei Häftlinge tragen. Das Getränk läuft aus den Löchern im Gefäß. Franziskus reißt die Augen weit auf:
„Eine große Wasseruhr!”
Der Kommandant gibt dem Posten die Waffe zurück. Wut steigt in ihm auf, er schnappt Leon bei der Gurgel:
„Du Hund! Ich habe dir nicht erlaubt aufzustehen.”
„Herr, in deine Hände empfehle ich meinen Geist...”, betet der Gefangene.
Die Augen des Kommandanten begegnen denen des Priesters. Bruno wird schwach, senkt den Kopf und geht. Leon sinkt an der Barackenwand nieder. Er wehrt die Fliegen ab, berührt sein Gesicht:
„Es ist von der Sonne so geschwollen, Pater Leon...”, sagt Franziskus, und Rudi wischt ihm die Stirn mit einem feuchten Lappen ab. „Tut es sehr weh?”
„Der Körper kümmert mich nicht. Der schlimmere Schmerz sitzt in mir: Welch ein Zeugnis habe ich abgelegt, wie werden die Leute das ertragen?!”
„Es war doch meine Schuld!” protestiert Rudi.
„Wir brauchen dich!” fügt Franziskus hinzu. „Du bist hier der einzige Priester, du bist unser Pfarrer! Geh schnell ins Lazarett, dort liegen zwei Kranke im Sterben.”

An einem Weiher in der Stadt, umgeben von fünf Kreuzgängen, bewegt ein Engel das Wasser. Zerlumpte Menschen sieht man hier, barfüßige, kranke. Das Bad im Weiher heilt: Es verschwinden Trachom, Scharbock und Krätze. Die Lunge wird sauber, die Beine strecken sich, es gibt weder Läuse noch Geschwüre. Am Wasser steht ein Tempel. In der Krypta, rechts vom Altar, beten Soldaten. Unter ihnen ein hochgewachsener General:
„Gürte dich und ziehe deine Schuhe an”, hört er. „Wirf deinen Mantel um und folge mir.” [3]
Nach Luftaufnahmen entsteht ein Geländemodell, dreißig mal dreißig Meter. Offiziere beugen sich darüber. Im Tal der zwei Flüsse erhebt sich ein steiles Felsenmassiv. Sein höchster Gipfel ragt so weit empor, und der relative Höhenunterschied ist so groß, dass alle störenden Lebewesen mit Artillerie- und Scharfschützenfeuer vernichtet werden können. Von den Verteidigungsstellungen aus sind Hügel und Schluchten, Kirchen und Häuser wie auf dem Handteller zu sehen. Auf dem Modell erscheinen Haine, Bäche, Kapellen und Stege und an den verminten Stellen weiße Bändchen.
„Wir haben keinen anderen Ausweg”, sagt der General. „Wir müssen uns an der Bündnisoffensive beteiligen!”
„Sie träumen von einem weißen Federbusch!” protestiert ein anderer. „Die Hügel werden wir nicht einnehmen. Es wird riesige Verluste geben...”

Vor dem Lagerlazarett steht ein Offizier und raucht eine Zigarre.
„Das ist Robert Sinnlos, Professor”, flüstert Franziskus. „Keine Angst, den kenne ich gut, der schwebt in den Wolken. Er wird dich nicht anhalten, er wird glauben, du gehst wirklich das Dach reparieren. Es wird ihm gar nicht in den Sinn kommen, dass ein Teerer Sterbesakramente unter seiner Schürze tragen könnte. Nur Mut! Der Sanitäter ist unser Mann, er wird dir den Weg zeigen...”
Sinnlos packt Franziskus am Arm:
„Ich möchte Sie etwas fragen!”
Er bietet dem jungen Mann eine Zigarette an. Das Zigarettenetui ziert ein filigraner Stab, um den sich eine Schlange windet:
„Ein Jubiläumsgeschenk von einem Kollegen aus der Klinik...” Der lederbehandschuhte Daumen gleitet vom metallenen Rädchen des Feuerzeugs, die Flamme schießt empor. Franziskus weicht zurück.
„Verzeihung, fast hätte ich Sie verbrannt... Verbrennungen! Ein faszinierendes Problem, aber zur Sache... Auf meinen Wunsch werde ich ins Nachbarlager versetzt, wo ich bessere Arbeitsbedingungen erhalte. Ich übernehme die Versuchsstation. Ich brauche also einen Assistenten, und Sie sind der ideale Kandidat. Selbstverständlich werden wir keine Obesitas [4] behandeln!” lacht Sinnlos und droht gleich darauf: „Drücken Sie etwa Missbilligung aus? Ich muss Sie natürlich keineswegs um Ihr Einverständnis bitten, verstanden?!”
„Jawohl, Herr Professor!”
„Weißt du, was dich erwartet? Eine hervorragende Küche! Hier bekommst du Kohlrabisuppe oder Kohlrübensuppe oder Sauerampfersuppe und zweihundertfünfzig Gramm Brot, na gut, noch eine Portion Quark am Freitag. Aber dort! Einhundert Gramm Brot mehr, einen halben Liter Malzkaffee, einen Liter Suppe, und einmal in der Woche sogar Nudelsuppe, na, und jeden zweiten Tag fünfundzwanzig Gramm Käse oder Wurst!” blinken die Goldkronen auf den Vierern und Fünfern. „Ich brauche einen Assistenten zur Unterstützung!”
„Ich bin dafür nicht qualifiziert!” wehrt Franziskus ab.
„Du bist gewissenhaft, intelligent, hast schon mehrmals eine treffende Diagnose gestellt. Ende der Diskussion! Abfahrt morgen um fünf Uhr zehn!”
Franziskus versteckt sich hinter der Baracke und wartet auf Leon. Der Kaplan legt seinen Arm um ihn:
„Du tust mir leid, aber sieh es einmal anders: Ich glaube, Gott hat dich berufen. Dort leben mehrere Hundert Priester - das seltsamste Konzil der Kirchengeschichte!”

Nacht. Armee ergießt sich ins Tal.
„Dona nobis pacem” - Markus hört Musik, die die Artillerie übertönt.
Ein Schein leuchtet auf und erlischt. Die Kolonne bewegt sich vorwärts, den Gebirgsweg entlang. Auf der einen Seite zieht sich die Felswand hin, auf der anderen der Abgrund. Die Autos fahren ohne Licht, auf jeder Motorhaube sitzt ein Soldat und starrt auf die Zeichen am Kotflügel des vorausfahrenden Wagens. Maultiere schleppen Körbe voller Ausrüstung, ihre Hufe sind mit Lappen umwickelt. Der Rhythmus ihrer Schritte hallt dennoch durchs Tal.
Der Tag erwacht. Der Himmel ist wolkenlos, die Sonne scheint. Ein zerstörtes Kloster taucht auf - die Soldaten trauen ihren Augen nicht:
„Es ist fast nichts davon übrig. Es war der größte Artilleriebeschuss in der Geschichte...”, erinnert Jakob.
„Gleich nach der Bombardierung durch die Alliierten hat der Feind sich in den Ruinen verschanzt. Drei Monate sind um, und er rührt sich nicht!” wundert sich Viktor.
„Was ist mit der Bibliothek?” fragt Markus, und Richard informiert:
„Sie konnte in Sicherheit gebracht werden, an einen unbekannten Ort...”

Robert und Franziskus stehen vor dem Eingang zur Versuchsstation. Sie legen gestärkte Kittel an, verknoten die Bänder im Nacken, ziehen die Gürtel straff.
„Unsere Station besuchen wir als letzte”, bestimmt Sinnlos. „Wir fangen mit der Tuberkulosestation an. Hier, Herr Kollege, werden die Kranken chirurgisch, homöopathisch und prophylaktisch behandelt. Die vierte Gruppe besteht aus gesunden Patienten - es ist die Kontrollgruppe, an der wir die Wirkung unserer Methoden und Medikamente überprüfen.”
Der Professor betrachtet Fieberkurven, Therapiekarten und geht in die nächsten Räume weiter.
„Die Malariastation lassen wir vorläufig aus, die ist wenig interessant. Dafür lernen wir die effektivsten Höhenexperimente mit Über- und Unterdruck kennen. Sobald der Patient ohnmächtig wird, entnehmen wir ihm zum Beispiel Gehirn, Nieren et cetera und schicken sie zur Untersuchung ins Zentrallabor...”
„Aber das ist doch Vivisektion!” Franziskus macht kehrt und läuft zur Tür.
„Festhalten!” ruft Sinnlos.
Die Sanitäter packen den Mann und drehen ihm die Arme auf den Rücken. Der Professor versetzt ihm einige Schläge in die Magengrube.
„Du bist nur eine Nummer, du stinkendes Stück Scheiße”, faucht er und wechselt den Ton: „Komm mit zur ‚Phlegmone’!”
Der Gefangene folgt dem Professor, der den Stationsarzt begrüßt und ihm seinen Assistenten vorstellt.
„Bitte erklären Sie uns die Arbeitstechnik, die hier angewendet wird...”
Der kleine Mann mit den rot glänzenden Lippen verbeugt sich:
„Zu Diensten. Unsere Arbeit beginnt mit der Selektion des besten Menschenmaterials: Wir wählen nur junge, kräftige, einigermaßen gesunde Personen aus. Denen injizieren wir zwischen zehn und zwanzig Zentimeter Eiter intramuskulär in den Oberschenkel. Das Injektionsmaterial entnehmen wir toten oder lebenden Phlegmonepatienten. Nach der Injektion befestigen wir das Bein des Patienten in einer Metallschiene, die vom Fuß bis zur Leistenbeuge reicht. Die so entstehende induzierte Phlegmone behandeln wir auf zwei Arten: allopathisch und biochemisch.”
Doktor Blur tritt in den Krankensaal und deckt das Bein eines jungen Patienten auf.
„Am dritten Tag nach der Injektion bildet sich ein sichtbares Ödem, und die Haut verfärbt sich rotviolett... Komm mal her, Heinrich”, ruft er einem Sanitäter zu. „Worüber klagt der Kranke?”
„Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, völlige Appetitlosigkeit, fast vierzig Grad Fieber.”
„Typische Symptome”, teilt Blur Franziskus mit. „Ich habe eine Überraschung für Sie: Sie werden eine Injektion vornehmen! Bitte hier entlang...”
Im Nachbarsaal warten Gefangene:
„Beste Auslese”, freut sich der Doktor. „Stark und stattlich! Bitte sehr, hier ist die Spritze, hier das Material - an die Arbeit!”
„Niemals!” Franziskus ergreift die Flucht. „Du kannst mich nicht zwingen!”
Blur rennt ihm nach, schießt. Einer der fünf Gefangenen läuft auf den jungen Mann zu und reicht ihm die Sakramente. Den knienden Priester erschießt Sinnlos.

Auf den Gipfeln der in gebrochener Linie verlaufenden Gebirgskämme verteidigt sich seit fünf Monaten der Feind. Das Gelände ist vermint und überzogen mit einem Netz von Bunkern, die in den massiven Fels gehauen wurden.
Viktor, Markus, Richard und Jakob ruhen auf Tragen in einem Olivenhain. Sie können nicht schlafen, stehen auf, laufen umher, spähen nach unten. Aus dem weiten Tal steigt der Gestank der seit Wochen unbeerdigten Soldaten auf. Ein Herankommen an die Leichen ist nicht möglich, der Beschuss hält Tag und Nacht an. Die Leiber blähen sich auf und explodieren, getroffen von einem Splitter, in einer stinkenden Gaswolke. Menschliche Gebeine liegen zwischen toten Maultieren, zerstörten Fahrzeugen, Waffen, Munition, Helmen, Feldflaschen, Apparaten, Tragen, Kabeln und Stacheldraht.
Die Armee setzt sich in Bewegung. Der erste Verwundete steht unter Schock, ist blass, schweißbedeckt, sein Puls kaum spürbar, er hat mehr als zehn Splitterwunden.
„Antitetanusserum, Morphium, Shell Dressing!” ruft Viktor Jakob zu.
Sie legen Verbände an, inspizieren die nächsten Verletzten:
„Inoperabilis, inoperabilis”, flüstert der Doktor. Ein junger Mann hat eine zertrümmerte Hüfte, ein anderer eine riesige Kopfwunde.
Ein Offizier mit aufgeschlitztem Bauch, aus dem die Eingeweide quellen, wird herbeigetragen.
„Penicillintropf! Legt den Patienten an einen ruhigeren Platz”, ordnet Viktor an und lässt das Gestell mit der Infusionsflasche an der Trage anbringen.
In der Luft prallen zwei Geschosse aufeinander. Die Soldaten liegen mit angezogenen Beinen in flachen Felsmulden. Vor den Augen der Schützen verbergen sie Schutzplanen. Die Temperatur steigt, der Leichengestank wird unerträglich. Richard erbricht sein Frühstück. Markus reicht ihm Wasser, das mit Pastillen versetzt werden muss, um den unangenehmen Geruch zu beseitigen.
„So viele Tage im Gestank, ohne sich waschen zu können”, klagt der Mann, der neben ihm liegt. „Wann ist das endlich vorbei?”
Lächelnd robbt ein anderer auf ihn zu. Er reicht dem Soldaten einen brennende Zigarette und einen Schluck starken Alkohols. Als er das Geschirr wieder an sich nimmt, trifft ihn ein Geschoss. Der Mann verliert das Gleichgewicht und stürzt von der Felswand.
„Ich werde mir das nicht länger ansehen!” ruft der Priester. „Ich kann nicht untätig dastehen, wenn die Leute sterben.”
Er reißt sich von den Soldaten los, die ihn zurückhalten wollen, fällt neben einem sterbenden Menschen nieder und nimmt die Sakramente aus dem Ziborium. Er lächelt, als er von der Kugel eines Scharfschützen getroffen wird:
„Geschafft!”

Zweiter Weihnachtstag. Es schneit. Der betrunkene Bruno betritt die Baracke, in der der Geiger aus der Schwarzen Stadt lebt.
„Spielmann, zu mir!” Er reicht dem Burschen den Geigenkasten. „An die Arbeit!”
Der Musiker schlottert vor Kälte, hält die Hände in die Achselhöhlen geklemmt.
„Wo sind deine Handschuhe?” Der Kommandant bebt vor Wut. „Du solltest deine Finger schützen, du weißt doch: Konzert oder Tod. Dich scheint dein Leben nicht zu kümmern, David... Wo hast du die Handschuhe?”
„Ich weiß es nicht. Jemand hat sie mir weggenommen, als ich schlief...”
Bruno greift ans Pistolenhalfter:
„Raus mit dem Dieb!”
Er überlegt es sich anders, winkt ab:
„Ich geb dir neue, spiel für mich...”
„Was soll ich spielen, Herr Kommandant?”
„Was für eine Frage!... Na ja, du musst ja nicht wissen, was heute für ein Fest ist... ‚Stille Nacht’, David, ‚Stille Nacht’...”
Leon schnappt sich den Werkzeugkasten, in dem die Sakramente untergebracht sind. Er schlüpft aus der Baracke. Der weinende Bruno achtet nicht auf ihn. Unter der Schürze trägt der Priester auch einige Scheiben Brot für die Schwächsten. In der Küche treiben sie jeden Tag zusätzliche Lebensmittel fürs Lazarett auf.
Im Haus sind keine lauten Gespräche zu hören. Die Büros der Professoren und die Behandlungszimmer sind leer.
„Salmonella typhi: Die haben Angst!” informiert Wieslaw, Chirurg und Häftling. „Die Gelehrten halten es nicht für nötig, beim Kranken zu wachen, ihn zu bewahren vor Schaden und Willkür...”
Der Doktor wechselt schnell das Thema:
„Geh zu Henrik, beeile dich, seine Stunden sind wahrscheinlich gezählt... Sein Fieber steigt auf fast vierzig Grad, er ist kaum noch bei Bewusstsein. Vor zwei Wochen habe ich ihn auf Befehl des Professors operiert. Das Eiter ist durch den Drän abgeflossen, aber unterm Knie hat sich ein neuer Entzündungsherd gebildet. Wir fangen gleich mit der nächsten Behandlung an.”
Leon öffnet den Kasten und beugt sich über Priester Henrik. In der Tür erscheint Sanitäter Heinrich. Leon erstarrt mit der Hostie in der Hand.
„Er ist ein Freund!” beruhigt ihn Wieslaw. „Er sitzt schon neun Jahre hier...”

Das Kloster ist erobert. Die Soldaten dringen in die Ruinen ein. Über dem Schlachtfeld weht die Staatsflagge des siegreichen Truppenverbands. Viktor betritt die Klosterkrypta. Zwischen zetrümmerten Säulen und zerfetzten Büchern sind in Säcken und Truhen menschliche Gebeine aufbewahrt. Auf golddurchwirkten Ornaten liegen Schwerverwundete. In ihren Augen zeichnet sich Entsetzen ab.
Der nach Rang und Jahren Älteste hat ein zerquetschtes Bein. Beim Anblick des Synedrus hebt er den Kopf, stemmt den Oberkörper hoch und starrt so unverwandt, dass der Professor fragt:
„Was ist los, Herr Oberst?”
Der Offizier schweigt. Viktor ruft Jakob, sie sehen sich die Wunden an:
„Wir müssen operieren.”
Der Arzt von der zentralen Verbandsstelle schüttelt den Kopf:
„Nein, Herr Professor: amputieren.”
„Ich muss Sie zur Ordnung rufen! Solche Gespräche sind nicht im Beisein des Patienten zu führen.”
„Erstens versteht er unsere Sprache sowieso nicht...”
„Das war wohl ein allgemein verständliches Wort...”
„...und zweitens ist das kein Patient, das ist...”
„Was, Herr Doktor?”
Viktor wischt sich übers Gesicht und bittet Jakob:
„Stellt einen Transport zusammen!”

Wieslaw und Heinrich treten mit erhobenen Händen an den Operationstisch:
„In Nomine Patris!”
Priester Henrik ist gerührt:
„Gott vergelte es euch, Freunde, ihr setzt für mich euer Leben aufs Spiel...”
„Man kann schwerlich von einem großen Risiko sprechen”, erwidert der Doktor. „Der medizinische Dienst hat sich vor der Seuche auf und davon gemacht... Bist du aber dünn, Henrik”, wechselt er das Thema.
„In den letzten beiden Wochen hat er fünfzehn Kilogramm verloren...”, flüstert Heinrich. „Wir haben nur wenig Äther, aber es müsste reichen... Fangen wir an?”
Wieslaw wendet sich an den Patienten:
„Können wir operieren?”
„Ja”, erwidert Pater Henrik. „Ich möchte aber um etwas bitten. Mir ist bewusst, dass ich vielleicht nicht überlebe... Wenn du wieder in die Freiheit zurückkehrst, dann sorge dafür, dass man uns nicht vergisst. Die Welt hat ein kurzes Gedächtnis, sie schätzt Bequemlichkeit und Gedankenlosigkeit. Es kommen schreckliche Zeiten, denn diesen Krieg haben wir bereits verloren...”
Sie träufeln ihm Äther auf die Maske, zehn Atemzüge genügen. Wieslaw versichert sich, dass die Narkose wirkt, und greift nach dem Skalpell:
„Wenn er den Eingriff überlebt, wird das ein Wunder sein!”

Der Oberst erwacht. Am Fußende des Bettes steht Viktor.
„Ich grüße Sie, Herr Professor. Sind Sie zufrieden?”
„Ich bin froh, dass es ohne Amputation abging”, erwidert der Professor.
„Soll ich mich bei Ihnen bedanken?”
„Deshalb bin ich nicht hergekommen. Ich wollte wissen, warum mein Anblick Sie damals, in der Krypta, so aufgewühlt hat?”
Der General stützt sich auf die Ellenbogen.
„Ich habe einen sechsundzwanzigjährigen Sohn. Wollen Sie wissen, wie er aussieht? Wenn ja, brauchen Sie nur in den Spiegel zu schauen!”
„Wollen Sie damit sagen, dass zwischen mir und Ihrem Sohn eine auffallende Ähnlichkeit besteht?” erkundigt sich Viktor.
„Ja, denn mein Sohn ist Ihr biologischer Sohn. Ich habe ihn zusammen mit dem Auto beschlagnahmt, das in Ihrer Hauptstadt vor der Universität stand, vor sechsundzwanzig Jahren!”
Viktor setzt sich auf das Bett des Oberst.
„Sie stellen keine Fragen?” wundert sich der Offizier. „Ich habe Ihnen Ihr Kind gestohlen, und Sie schweigen?”
„Wo ist mein Sohn?”
Der Oberst zieht ein maschinengeschriebenes und versiegeltes Papier aus der Tasche.
„Bitte!”

Es glänzen die Gipfel der Berge. Die Zweiundvierzigste und die Fünfundvierzigste Division sind im Anmarsch. Es ist Ende April, und auch im Tal liegt Schnee. Eine Unterabteilung weicht von der Marschroute ab. Auf einem Bahnnebengleis steht ein Zug aus lauter Kohlenwagen. Darin liegen, zwischen schmutzigen Lumpen, Menschen. Die meisten sind tot, nur wenige geben Lebenszeichen von sich. Als Erster setzt sich Leonard in Bewegung. Die Soldaten rennen, so schnell die Beine sie tragen, die Bahnlinie führt sie. Durchs schwer bewachte Tor dringen sie ins Lager ein. Die Belegschaft ergibt sich kampflos. Die befreiten Häftlinge klettern auf die Barackendächer. Es ertönt ein Schrei und dann ein vielsprachiges Gebet: „Vater unser”. Die niedrige Lufttemperatur mildert den Verwesungsgestank nicht, der von den Leichenhaufen am Krematorium kommt.
„Verstehst du mich?” fragt Leonard die Männer, die ihm begegnen.
Er trifft einen, der seine Sprache kennt. Henrik erläutert:
„Sie hatten es nicht geschafft, die Leichen zu verbrennen, deshalb war für heute Abend die Liquidation des ganzen Lagers geplant. Wenn ihr nicht gekommen wärt, wären wir unter Panzern und im Feuer umgekommen...”
Leonard geht an der Wand entlang, übergibt sich. Henrik begleitet ihn hinkend:
„Bleib stark, Junge! Dass ihr gekommen seid, ist ein Wunder: ein Wunder, das nur der Glaube vollbringen konnte. Unsere Gebete wurden erhört.”
Der Soldat sagt:
„Bruder! Meine Familie kommt von hier. Ich bin ganz in der Nähe geboren...”
„Ich zeige Dir jemanden, der noch viel Schlimmeres überlebt hat. Rudi, komm her!” ruft Henrik und legt seinen Arm um den jungen Mann, der auf seinen Ruf herbeigekommen ist:
„Schau ihn dir an, Soldat: Das ist der Sohn eines der Generäle, die diesen Krieg entfesselt haben. Weißt du, wofür sie Rudi ins Lager gesteckt haben? Dafür, dass er zu einem Polizisten Grüß Gott gesagt hat!”
„Und du - wer bist du?”
„Ich bin Priester. In diesen Baracken leben Kapläne aus einem fernen Land. Achthundert sind gestorben, achthundert haben überlebt...”
Durchs Lagertor fährt der Sanitätswagen der Truppe ein. Viktor steigt aus.

Das Kloster steht auf einem steilen Berg, der von der Serpentine einer steinigen Straße durchschnitten wird. Ein Kapselbus mit verdunkelten Scheiben fährt diese Straße hinauf. In jeder Kurve meldet ein Computer entgegenkommende Fahrzeuge. Die Passagiere vermeiden den Blick ins Tal, es entfernt sich zu schnell. Die Mädchen kreischen und drücken die Köpfe in die Rückenlehnen der Sitze. Die Reisegruppe steigt aus. Julia wendet sich an einen Mönch:
„Pater, wo ist das Skriptorium?”
Das Mädchen betritt den Raum, den der Mönch ihr gewiesen hat, und legt ein Blatt Papier aufs Lectrinum. Sie kehrt in den Klosterhof zurück:
„Und wo befindet sich der Friedhof?”
„Welche Nekropole suchen Sie? Es gibt hier so viele, wie Staaten in jenem Krieg gekämpft haben”, erläutert der Ordensbruder.
„Zeig mir den nächsten”, bittet Julia.
Als das Mädchen gegangen ist, tritt Benedikt lächelnd ins Skriptorium und liest das neue Dokument.
Die Kette
Ich habe nicht Tintenfischextrakt noch Quecksilbersulfid, ja, nicht einmal Ruß mit Gummi vermischt und auch keine Schwanenfeder, dabei wäre es gut, wenigstens eine Gänsefeder in Sepia oder Zinnober zu tauchen, sie sei nur frisch angeschnitten. In letzter Konsequenz mag indes ein Computerausdruck den gleichen Zweck erfüllen wie die zermorschenden Pergamente, welche er in Zeiten der Barbarei unbeholfen zu bewahren sucht. Ich kam auf diesen Berg, der immer schon heilig war, um meinen Gedanken und Gefühlen Worte zu leihen. Hier kämpften mein Ururgroßvater und seine Freunde, und ich frage: Unde malum? [5] Zumal an diesem Ort?
Krieg ist stets abscheulich und reich an Begebenheiten, in deren Angesicht das Grauen jenes Tages verblasst. Es war der 14. Oktober eines längst vergangenen Jahres des Herrn. Dennoch will ich dieses Tages gedenken. Sieh: Von Süden ziehen die Bündnistruppen heran. Furcht überfällt die zurückweichende Armee. Deren Soldaten dringen ins Kloster ein, trotz des Versprechens, es werde neutrale Zone bleiben. Die Plünderung beginnt. Liturgische Geräte und Kunstwerke verschwinden in Truhen. Die Offiziere betreten das Skriptorium. Sie unterziehen es einer pedantischen Musterung, von den Büchern in den Armarien und auf den Lectrinen über Atlanten und Globen. Die Plünderer öffnen die Gefäße, sagen: „Zinnober” und: „Tinte”...
Pater Gregorio prostestiert erbittert. Sie schieben ihn beiseite, blicken sich um, was noch zu holen wäre. Geblieben sind nur noch die „libri catenati”, die an die Pulte geketteten Bücher. Wenn sich keine Schlüssel finden, muss man die Ketten durchschießen. Welch sonderbarer Fall, da Befreiung von Ketten Sklaverei bedeutet. Lastwagen voller Truhen mit beschlagnahmten Büchern verlassen die Abtei. Ins Unbekannte fahren altertümliche Werke, Inkunabeln und neuzeitliche Schriften - Tausende von Schriftrollen und Bänden. Durch ein Wunder sind sie zurückgekehrt.
Meine Metapher ist umfassend: Zerreiße nicht die Kette, die die Vergangenheit an die Gegenwart bindet. Rühre nicht fremde Heiligtümer an. Achte die Errungenschaften der Generationen, mögen sie dir auch eine Last sein, denn selbst wenn du es nicht weißt: Es sind auch deine eigenen. Das betrifft nicht nur Barbaren.
Julia 14. Oktober Anno Domini 2010
zum Seitenanfang
|